In meteo veritas?

Ein Tag mehr in der Geschichte, wenn Prognose und Wetter sich nicht kennen. Darf ich vorstellen? Ich bin Boccalino-Ticino 2016. Verführerisch habe ich mit meinem Charme elf Bikerinnen und Biker in die Sonnenstube der Schweiz gelockt. Nun nippen sie am Café macchiato, eingehüllt in farbige Jacken und der Tourero fröstelt bei kaum 10° im Freien, um sich Einblick in die Wetterküche zu verschaffen. Es regnet.

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Denn zweimal möchte er sich nicht auf dem linken Fuss erwischen lassen, von den Wetterfröschen. Just als die zweite Runde Café serviert wird, stürmt der Tourero in die Bar und löst die Runde auf. Er zaubert eine Alternativ-Tour aus der Regenjacke, wo wir trockener bleiben sollten… charmant, seine Ansage.

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Kalt ist es. Der Gedanke an die Temperaturen jeneits des San Bernardinos… mit Föhn, wärmt nicht. Die Protagonisten kurbeln sich die Wärme in den Körper, die einen etwas schneller. Von Alberto Contador keine Spur, der jeweils auf dieser Strasse trainiert. Das Wetter zu schlecht? Aus dem Nebel tauchen immer wieder Wanderer auf. Vielleicht stechen wir ja doch noch durch die Suppe? Zuversicht.

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Freudestrahlend erreichen meine Boccalinos den Monte Bar. Letztmals bestaunen wir die neue Hütte von aussen. Der imaginäre Minestroneduft flutet unsere Sinne. Der Tourero meint, es gehe noch höher. Gewiss, vom Regen sind sie bisher verschont geblieben, wäre da nicht die steife Bise. An die Nebelfeuchte haben sie sich rasch gewöhnt.

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Verzückt stürzen sich die Boccalinos in die Abfahrt. Schmal schlängelt sich der Pfad dem Hang entlang, schlägt ein zwei Spitzkehren und taucht licht durch Lärchen. „Fantastico“, schallt es durch den Nebel. Die spitzen Steine und schmalste Passagen erfordern volle Konzentration. Wer vermisst da die Aussicht?tourero-ch_boccalino-ticino-trail-camp_2016167

Der Tourero gibt sich alle Mühe, die kaschierten Berge zu erklären. „Hier würdet ihr den Monte Tamaro und dort gar den Monte Rosa…“. Der Trail ist spektakulär genug und fordernd dazu, die Montes können warten. Es wird heller, ein verirrter Sonnenstrahl blendet. Zwei, drei gesellen sich dazu.

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La discesa will kein Ende nehmen, endlos zirkeln wir um Steine, Spitzkehren, umkurven Wurzeln, huschen über morsche Brücken und rascheln durch Kastanienwälder. Der Boden, immer noch trocken, der Prophet sowieso – steuert auf einem letzten Sentiero dem apéritivo zu. Dieser wird – oh Wunder – gar auf der Terrasse genossen. Das Nachtessen zelebriert die Famiglia Besomi und ihr Team gekonnt auf die Teller der Boccalinos.

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Nieselregen. Dennoch setzen sich die Boccalinos aufs Rad. Der Tourero hat über Nacht erneut gezaubert. Nicht etwa, dass er den Regen über den Gottardo schob. „Es erwartet Euch eine Trailetappe, die selbst bei glitschigen Verhältnissen verzückt…“. Bei der ersten Auffahrt ist sein Begeisterungsfunke noch nicht auf alle Boccalinos gesprungen. Trotz rutschigen Sentieros wird am Gas gedreht. Mit wachem Geist und guter Balance meistern die Boccalinos das aalglatte Parkett der regennassen Sentieri.

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So kam es, wie es nur im Boccalino-Camp geschehen kann. Aus dem kurzen Boxenstopp mutierte ein spontanes, feines Risotto-Essen. Der nahe Weinkeller spendierte willkommene Feuchte samt Bouquet und Abperleffekt in der Gaumengegend. Wohl kroch die Wärme durch die Funktionstrikots. Die Famiglia Besomi verblüffte uns erneut. Nomen est omen, der Bruder des Boccalinos, der Grappa. Ob die Tour fortgesetzt wurde… bleibt für ewig verschlungen, in den Tiefen des wohligen Grottos.

Dichter geht es nicht. Keine zehn Meter reicht die Sicht. Der Tourero gefordert. Keine Menschenseele. Doch die Boccalinos kugeln bereits über die Via Val Colla. Gespenstisch. Plötzlich lichtet er sich doch und lässt tief ins Tal blicken. Eigentlich spannender, als bei stahlblauem Himmel. Schön, dass wir hier sind, das Schauspiel ist unser.

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Das Ziel der Boccalinos ist die warme Stube von Simone. Flott windet sich der Höhentrail dem Hang entlang. Die Bremsen nur leicht angetippt, kullern die Boccalinos rasant auf die Capanna zu.

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Ciao Simone! Er habe gedacht, dass wir wohl nicht kommen würden. Nicht die Boccalinos, auf uns ist Verlass. Die Gaststube, alle Trails, das ganze Tal haben wir heute für uns, dem Wetterbericht sei gedankt. Reich gedeckt ist der Tisch. Auf lokalen Formaggio, folgt Spezzatino, Tripa, Minestrone, Pasta, Carne, Dolce… und bald wieder ein Sentiero.

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Ein klarer Blick ist auf dem folgenden Sentiero panoramico nötig. Daher liessen wir die Korbflasche Wein und den Grappa fast unberührt.

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Privileg. Diesen famosen Singletrail für uns zu haben. Das Val Colla liegt uns zu Füssen und wir fliegen förmlich dem Berg entlang, spritzen durch Pfützen, zirkeln über Bäche und meistern Felspassagen. Die Kirsche auf dem Kuchen folgt mit einer Trailabfahrt, die wahrhaft als Krönung betitelt werden darf.

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Einmal mehr wurde uns vor Augen geführt, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Zwischen Sentiero, Vino e Grappa. Und Meteo? Was für Meteo? Ein beständiges Hoch auf das Boccalino-Trailcamp im Ticino!

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Auch im nächsten Jahr ist das Boccalino-Ticino Trailcamp wiederum Garant, wenn der Tourero in die Sonnenstube der Schweiz lädt, vom 21.-23. Oktober 2017.

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Kommentar zu “In meteo veritas?

  1. René!
    Saludos!

    Das hast Du sehr fein getextet. Gratulation.

    Liebe Grüße
    aus dem Gebirge!

    Keep on biking!
    Ulli

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