Oh du schönes Schaffhauserland

Auf dem Tiefpunkt. Die Stimmung vor der munteren Besammlung zu Stollhausen genannt Osterfingen. Satte -3° gab das Thermometer im Auto preis, im Klettgau. Ich leide. Meine Gedanken sind bei den Wein- und Obstbauern. Das Bike, weit weg. Ihr Schmerz trifft mich, mir ist nicht zum Jubeln. Bis zu 80% Ernteausfall und dies im zweiten Jahr in Folge. Mein Blick streift den gefrorenen Boden. Die Begrüssung mit der gastgebenden Winzerin geht durch March und Bein. Ein tiefer Atemzug und meine frohgelaunte Bikerschar empfängt mich, bei Prachtswetter – wolken- aber nicht sorgenfrei. Ich leide.

Mehr als ein Dutzend Biker/innen sind mir erstmals in die Genussregion, ins Blauburgunderland im schaffhausischen Klettgau gefolgt. Auch Nährboden findiger Bikekonstrukteure, wie Thomas Stoll beweist. Exklusiv begleitet uns Thomas und öffnet die Schatulle. Edle Trails, knackige Passagen, knifflige Spitzkehren, ein Freefall, eine feuchte Landung, Vollgaspassagen, Airtime… Laub wirbelt durch die Luft. Die Schaffhauser Trails benötigen keine Berge.

Kleiderhalt. Kaum steigt das Strässchen umklammert uns die Wärme von innen. Nach ein paar Technik-Übungen, unsere Hüften geschmeidig, zirkeln wir über die erste Perle. Links, rechts, ein Baum, kleiner Hupf, der Puls erhöht. Schaffhausens erster Streich.

Der Rausch wird gross und grösser. Der grösste Rausch Europas. Auf schmalsten Pfaden lullt er uns langsam ein, speit mit seiner Gischt, eine wahre Grösse, will erlebt sein. „Grosse Rundfahrt 15 Minuten“. Unser Rausch dauert länger und sein Getöse verschwindet am Horizont. Kein Reinfall, der Rheinfall. Oder, wie schreibt sich nun dieser Fall?

Der Lenker streift, der Fahrer staunt, das Trailbike sinkt, oh Du schönes Schaffhauserland. Carbon, so leicht, doch schwimmen tut es nicht, nur sein Pilot rudert im kühlen Nass. Die rettende Hand ist rasch zur Stelle bevor es ihn spült in eine Schwelle. Nur dann schreibt sich Reinfall ohne „h“. Ihr werdet es wohl nie erfa(h)ren.

Das abendliche Schlemmen gehörte ebenso zur Genussregion Klettgau, wie der Griff in den Keller des Blauburgunderlandes, wo feinste Tropfen den Weg in die Gläser finden. Erstklassig. Genussreich. Feudal.

Neuer Tag, neues Singletrail-Glück. Was uns Thomas Stoll auftischte, fügt sich ein in unser Gourmet-Menu mit viel Reiz für Auge, Gaumen, Seele und das Trailherz. Während die Trails andernorts vor Nässe triefen, raschelten wir durch trockenes Laub, fast wie im Tessin. Zugegeben, die 1000 Meter-Marke haben wir nicht geknackt, dennoch eröffnete sich der Blick auf die Glarner-, Urner-, Zentralschweizer- und gar die Berner Alpen.

Und wieder ein heiliger Pfad. Auf keiner Karte, nur Schaffhauser Trail-Kanonen bekannt, schlängelt er sich gefühlte 5’000 Reifenumdrehungen um Bäume über Wurzeln, entlang von Flanken – oh Du schönes, flüssiges Schaffhauserland.

Das Feuer knistert, die Flamme wärmt. Ein Hauch Wildwest weht im Norden Helvetiens. Bestens gelaunt, für keinen Spruch verlegen, verwöhnt uns der Wirt mit feinstem Risotto und Geschnetzeltem dazu. Seit 1938 löscht es den Durst. Einst als Rennfahrerbier bekannt. Denn 1949 stürzte Hugo Koblet, kaum das Ziel durchfahren, ein Fläschchen in sich hinein, von Vivi Kola ist die Rede der Schweizer Cola aus dem nahen Eglisau.

Wenn man als Gast so reich beschenkt wird, will man etwas zurückgeben. So hat sich unser Reto kurz entschlossen als „Kutschenschieber“ ins Zeug gelegt. Die Pferde haben es ihm gedankt, dem Zentralschweizer-Support auf der ansteigenden Klettgauer-Strasse. Oder liess er sich doch von den Pferden ziehen? Die Wahrheit… kennt nur er und der verschwiegene Photograf.

Und wenn Sie einst am Fliegen sind, dann fliegen sie noch heute. Unser Reto kurz vor seinem „freien Fall“, der Einzige, der in den Freefall-Trail einbog. Wie weiter? Es muss nicht immer luftig sein, auch steile Absätze lassen das Adrenalin fliessen.

Riechst Du ihn? Bald beginnt der Bärlauch-Trail. Diese Farben, dieser Geruch, dieser Trail. Hochgeschwindigkeit, Steilwandkurven, Spitzkehren, Sprung… so könnte es den ganzen Tag weitergehen, doch alles hat ein Ende, auch unser Bärlauchtrail.

Ein Happy-End für die Seele bot die letzte Einkehr. Herrlich, erhaben, diese Frühlingssonne und ein lokaler Tropfen, für einmal aus Hopfen. So lebten die Geschichten dieser drei Erlebnistage im Schaffhauserland auf, kulinarisch abgerundet mit einem Plättli.

Du hast alles, was unser Herz begehrt. Frische Trails, edle Tropfen, beste Köche und herzhafte Gastgeber. Keine Frage, wir kommen wieder – oh du schönes, trailreiches Schaffhauserland.

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9 Kommentare zu “Oh du schönes Schaffhauserland

  1. Und wieder zeigt uns René, weshalb wir so gerne mit ihm unterwegs sind.
    Mit der Unterstützung von Thomas lernen wir das Schaffhauserland von einer uns komplett unbekannten Seite kennen und staunen jetzt noch, was uns da alles an Trails und Gourmet geboten wurde. Selbst einen eigenen Hundschopf gibt’s da.
    Mit einer Ausnahme am ersten Abend. Da gingen doch einige mit einem fahlen Bauchgefühl ins Bett! Leistung und Preis dieses Restaurants löst bei uns keine Weiterempfehlung aus.
    Dafür wurden wir im Randenhaus mehr als nur entschädigt. Top Service, Top Essen, Top Aussicht, Top Zimmer. Kurz, perfekt und immer wieder ein Besuch wert.
    Danke Thomas und René für diese Perlen, High Lights, die Fotos und den kurzweiligen Blog.
    Wir wissen nun auch, dass Stoll-Bikes allen Widrigkeiten standhalten und nicht unter zu kriegen sind…! Irma hat das überzeugt und sie wird in Zukunft auf dem Stoll-Bike ihre Trail Akrobatik geniessen.
    Fazit Schaffhauser Trails: Sensationell
    Auf bald.
    Pirmin

  2. Herzlichen Dank René und Thomas
    Die knackigen Trails und das Wetter im Schaffhauserland, werden mir in guter Erinnerung bleiben. Auch die Zwischenfälle ,die zum Glück glimpflich ausgefallen sin, werden noch lange im Gespräch bleiben. Die Dokumentation, „oh du schönes Schaffhauserland,“ ist übrigens hammermässig gut geschrieben Renè und auch zum schmunzeln. Bald wird dich ein Stoll Bike verfolgen auf den Trails, freue mich auf weitere coole Abenteuer und Touren. Liebe Grüsse Irma

  3. Ein toller Erlebnisbericht – textlich und bildlich! Man wünschte, man wäre dabei gewesen. Dem Tourero und seinen Gästen weiterhin gute Fahrt. Im Sinne von Max Hürzeler: „Und weiter geht die wilde Jagd…“ grüsse ich sportlich.

  4. Lieber René

    Deine poetische und spannende Art die Blogeinträge zu untermalen, die tollen Fotos, sensationell. Die Handschrift und das Können des Tourismusfachmanns dürfen wir hier in vollen Zügen, den ebenso versierten Tourguide zum Glück auch auf den Trails geniessen. Habe hier beim lesen mitgelebt, oder bin ich gar mitgefahren, r(h)eingefallen) oder so?

    Bis bald und liebe Grüsse aus der Gegend des R(h)einknies
    Chrigel

    Irma & Pirmin der Jura-Cross rückt langsam näher 🙂

  5. Lieber Chrigel

    Danke für die Würdigung à la baloise, freue mich schon auf unsere Trail-Poesien!

    föhniger Gruss vom TOURERO-René

  6. Cher Bruno

    Wie immer, nichts erfunden, wie wahr. Auf bald, gemeinsam en selle!

    Salut de TOURERO-René

  7. Cher Irma

    Aaah ein STOLL-Bike…. ich freue mich schon auf die gemeinsamen Antritte! Gratuliere!

    TOURERO-René

  8. René wenn das in Deinen Bike-Kreisen so weiter geht mit den Stoll Bikes, muss Thomas bald eine Special Edition herausbringen, das Stoll Tourero, oder so 🙂 Allez les VTT fait à la main en Suisse

    GÄMPEBIKER-Chrigel

    Lieber Chrigel,
    … das auch beim Aprèsbike eine tolle Figur macht und…. mit Schwimmfunktion, wie einem aufblasbaren Rettungssattel…

    René

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