mythische Pässe in Frankreich

Er figuriert zuoberst, auf der Wunschliste jedes ambitionierten Rennradfahrers, der bleiche Riese der Provence, le Mont Ventoux. Ihm alles unterzuordnen, wäre der Region Drôme Provençale unrecht getan. Weniger renommierte Strassen, Passübergänge und Rundtouren überraschen, glänzen so hell wie der bekannteste Markstein de la république auf 1912m Seehöhe. Eine mythische, radsportliche Entdeckungsreise in der Provence.

 

Frankreich. Das Land der Genüsse. Das Land der kulinarischen Spezialitäten. Das Land des savoir vivre. Auch das Land vieler Talschaften, Vegetationen, Schluchten, Berge, das Land ursprünglicher Dörfer, das Land authentischer Menschen. Selbst das Land der Mythen, das Land mit verkehrsarmen Nebenstrassen, das Land mit toleranten Autofahrern, das Land der Tour de France, das Land für Radfahrer. Einquartiert in einem pittoresken vor Geschichte strotzenden vieux village starten wir täglich à nos excursions pédalantes.

Bereits la mise en jambe, erste Tour zieht uns in den Bann. Auf dem trassée einer ehemaligen Eisenbahn sirren wir verkehrsfrei durch Bilderbuchlandschaft. Die Altstadt-Visite einer römischen Blüte sorgt bei den vielen Touristen für Erheiterung. Keine Spur von Groll und Zorn, der uns in anderen Gefilden entgegenkäme. Die ersten pavé-Abschnitte in den Gelenken, gleiten wir fast mühelos in die Weiten der Côte du Rhône. Weinberge, wo das Auge reicht.

Mit letzten Sonnenstrahlen erklimmen wir den premier col und geniessen eine Abfahrt, wie geträumt. Kurve an Kurve, Kehre um Kehre, äusserst flüssig, kein Auto weit und breit. Als Windbrecher und Guide Tourero dies eher als Regel und nicht Ausnahme quittiert, resultiert ungläubiges Staunen im aktiven peloton. Ungewohnt für les Suisses oder „les petits suisses“, so nennen uns die Franzosen, neckisch. Petit Suisse ist ein kleiner Frischkäse aus der Normandie, im Norden Frankreichs. Sein Erfinder, ein Schweizer Kuhhirte.

Le tour des 7 cols. Ein Gemälde, diese Passstrasse. Harmonischer könnte der Strassenverlauf nicht in die Landschaft eingefügt werden. Die Steigung mit 4-6% fast schon im Rollerbereich, dem legendären“döschwo“/2CV sei gedankt. Die Stimmung bestens. Kette rechts, die Panoramastrasse verleitet zur Tempofahrt. Numéro deux nehmen wir im Flug, luftig die Abfahrt. Café, croissant im bistrôt. Jetzt müssen die Beine drehen, erstmals etwas steiler und länger der Asphalt-Teppich zu numéro trois. Der mistral suffliert. Position compacte. Lang und rasant, la déscente in eine unbekannte Talschaft. Der Tagesumsatz der crèperie schnellt in die Höhe.

Ebenso das Passsträsschen zum quatrième col. Abklatschen. Mit der nötigen Zurückhaltung segeln und gummieren wir in ein Zwischental. Quellwasser nährt unsere bidons. Numéro Cinque; der Geheimnisvolle. Erst im letzten Moment lässt die virtuose Strassenführung den Kulminationspunkt erhaschen. Reichlich serpentiniert, fliegen wir förmlich die Passstrasse hinunter. Selbst die rastenden Motorfahrer bleibt nur das Staunen. Die Bremsen schonend, greifen wir erst kurz vor der Kurve in die Tasten. Let it roll, rock’n’roll!

Numéro six et sept, reine Formsache. Der Himmel verdichtet sich kurz und spendet einen Graupelschauer. Unbeeindruckt kurbeln wir flott den Pass empor, den auch schon die Tour de France qequert hat. Schon schiessen wir ins Aprikosental, fruchtbare Anbauschlacht so weit das Auge reicht. Ein letzter Effort, das Tempo verschärft, en grimasse, numéro six, c’est pratiquement fait. Schwungvoll drehen wir durch Kurven zirkeln am Abgrund vorbei und beschleunigen in der Gorge zum Finale.

Keine 2000 Meter hoch, doch sein Mass 1912 ist mythisch. Oft wehrt er sich mit giftigen, starken Winden gegen die Erklimmung. Nur schon seinen Namen in den Mund zu nehmen, erfüllt mit Ehrfurcht. Mont Ventoux! Die Liste der Dramen ist lang. Unvergessen, an der Tour de France der 13. Juli 1967 als Tom Simpson – mit Amphetaminen und Alkohol aufgeputscht – kurz vor Passhöhe an einem Herzstillstand starb. Oder Fussgänger Chris Froome, 2016 im maillot jaune den Berg hoch rennend, auf sein Ersatzrad wartend. Doch jedem sein eigenes Drama, nur schon der Kampf gegen den Wind.

Eigentlich ist alles so wie es sein muss. Ein strahlender Tag, étappe reine sowie der mistral, der kräftig bläst. Gegenwind am Ventoux. Nach jeder Kurve gegen Norden drückt der böige, kalte Wind das Tempo platt. Nur mit Mühe, können wir uns im Sattel halten. Unterlenkerfahren im 10%-igen Passaufstieg, die silhouette klein haltend. Der Stolz umso grösser, denn jeder coureur unseres stimmigen pelotons hat sein ganz persönliches Drama gemeistert, sein Ziel erreicht. Le sommet du Mont Ventoux 1912m.

Bitterkalt, die Glieder klamm, stürzen wir uns in eine endlose, rasante Abfahrt. Wir drücken ordentlich aufs Gas, rauschen vorbei an Pinien und Akazien, tanzen um die Kurven, beschleunigen rasant und tauchen tief hinab, in die Schönheiten der Provence. Die Boulangerie füllt unsere musette mit allerlei Leckereien. Gerade recht, um dem heftigen Gegenwind die Stirn zu bieten. Auf einer Perlenschnur aufgereiht, sirren wir durch ständig wechselnde Landschaften und vorbei an les plus belles villages de France.

Encore une fois, en selle. La dernière. Die Temperaturen inzwischen merklich abgekühlt und Mittelwind mit 30-40 Km/h, dazu Böen mit bis zum 90 Km/h zeichnen das Szenario einer aussergewöhnlichen Radtour. Ein Tal nördlich von uns fällt Schnee, einzelne Flocken tanzen vor unseren Lenkern. Obwohl uns der Nordwind kräftig entgegenbläst, ist er unser Verbündeter. Die Schweiz kräftig eingeschneit, führt unsere Entdeckungsfahrt nochmals über 5 Pässe. Die verkehrenden Autos können wir an einer Hand zählen. In kompletter Abgeschiedenheit führen schmalste Strässchen den Bergflanken entlang und münden in mythische Passstrassen von denen es nur so strotzt. Vive le Tour, le Tour de Provence, vive la France!

Kommentar zu “mythische Pässe in Frankreich

  1. Herzlichen Dank, Tourero für die Tourführung, das war eine tolle Rennradwoche in der Provence mit dem Mont Ventoux als Höhepunkt. Dieser gehört in das Palmarès eines jeden Rennradfahrers. Aber auch die anderen tiefergelegenen Pässe waren äusserst genussvoll, genussreich wie immer die Kulinarik am Abend!

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